Wie Sie mit Qualitätskriterien arbeiten

Willkommen zurück bei unserer kleinen Artikel-Serie zum Thema Qualitätskriterien.
Dies hier ist der dritte Artikel.
Wir möchten Ihnen hier aufzeigen, wie Sie aus Qualitätskriterien Regeln ableiten können, um die Anforderungen qualitativ zu verbessern und um die definierten Qualitätskriterien zu erfüllen.

Hierzu werfen wir nochmal einen Blick auf den zweiten Artikel der Serie “Kriterien für die Qualität von Anforderungen” und verwenden das gleiche Beispiel.

Beispiel aus dem zweiten Artikel

Der Mann bringt 6 Brote mit. Die Frau wollte jedoch ein Brot und 6 Eier. Im letzten Blogbeitrag haben wir anhand von Qualitätskriterien gezeigt, dass die Frau sich missverständlich ausgedrückt hat oder in RE-Sprech: Die Frau hat missverständliche Anforderungen gestellt.

Die ersten zwei Sätze der Frau spielen hierbei die entscheidende Rolle:

Analysiert man die beiden Sätze unabhängig voneinander, so könnte man noch über die unklaren Bezüge (L1: eines, L2: sechs Stück) hinwegsehen, da es in den einzelnen Sätzen nur ein Substantiv vorhanden ist, auf das sich die Referenzen beziehen können (L1: Brot, L2: Eier). Spätestens sobald ein Leser beide Sätze zusammenliest, ist gar nicht mehr eindeutig interpretierbar, ob sich die „6 Stück“ auf die Eier oder das Brot beziehen. Somit wurde die „Eindeutigkeit“ einzelner Anforderungen verletzt als auch die „Konsistenz“ einer Menge von Anforderungen.

REGEL: Schaffen Sie eindeutige Referenzen (diese, jene, solche, eines, mehrere, etc.).

Satz L1 könnte dann lauten:

Schatz, wir haben kein Brot mehr, könntest du bitte zum Supermarkt gehen und ein Brot holen?

Für dieses Beispiel reicht die Regel „Eindeutige Referenzen schaffen“ aus, um das Missverständnis zwischen Brot und Eiern aufzuklären. Es gibt jedoch noch weitere Punkte, die sich negativ auf das gemeinsame Verständnis über die Anforderungen der Frau auswirken könnten.

Gleiche Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung

Die Konsistenz könnte weiterhin verbessert werden, in dem mehrere Begriffe mit gleicher Bedeutung vermieden oder zumindest in einem Glossar definiert werden. In Satz L1 und L2 nehme ich an, dass „holen“ und „mitbringen“ die gleiche Bedeutung haben. Indem jedoch zwei unterschiedliche Begriffe verwendet werden, wird der Leser doch erst auf Idee gebracht, dass die beiden Begriffe etwas Unterschiedliches bedeuten könnten.

Regel: Verwenden Sie Begriffe konsistent und definieren Sie zu verwendende Begriffe in einem Glossar. Satz L1 und L2 könnten dann so lauten:

Mehrere Verben und Substantive in einem Anforderungssatz

In Satz L1 werden zwei Tätigkeiten beschrieben (zum Supermarkt gehen und ein Brot holen). Damit wird das Qualitätskriterium „Singularität“ verletzt.

Regel: Beschreiben Sie pro Anforderungssatz nur eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft.

Diese Regel verbessert auch gleichzeitig das Qualitätskriterium „Testbarkeit“ einer Anforderung. In Satz L1 könnte der Mann zum Supermarkt gehen aber dort nichts einkaufen und dann zum Bäcker gehen und ein Brot holen. Das hat die Frau aber wahrscheinlich nicht gemeint. Sie könnte auch nicht testen, ob der Mann im Supermarkt war, denn er hat keine Quittung, weil er nichts gekauft hat. Die Frage, die sie in Satz L1 wahrscheinlich stellen wollte, war:

Schatz, kannst du im Supermarkt ein Brot holen?

Dieser Satz enthält nur eine Tätigkeit (Brot holen) und die Anforderung ist testbar, da beschrieben ist, wo der Mann das Brot holen soll und Vergleichsoperator und Mengenangabe (genau ein Brot) vorhanden ist. Für die Testbarkeit gilt:

REGEL: Formulieren Sie ihre Anforderungen mit Vergleichsoperator, Mengenangabe und Einheit. Satz L1 könnte so präzisiert werden:

Schatz, kannst du im Supermarkt genau ein Brot holen?

Unvollständige Bedingungsstrukturen

In Satz L2 wird einer von mehreren möglichen Fällen beschrieben. Aber was soll der Mann machen, wenn der Supermarkt weniger als 6 Eier hat? Um Missverständnisse zu vermeiden, gilt als Regel: Ergänzen Sie fehlende Fälle. Satz L2 könnte beispielsweise mit dem nachfolgenden Satz ergänzt werden:

Falls der Supermarkt weniger als 6 Eier hat, hole die verfügbare Menge an Eiern aus dem Supermarkt.  

Fazit

Zur Vermeidung von Missverständnissen in Anforderungen oder im sprachlichen Ausdruck dienen Qualitätskriterien als Standard, den Anforderungen erfüllen müssen. Aus den definierten Qualitätskriterien lassen sich Regeln ableiten, um die Anforderungen den definierten Qualitätskriterien entsprechend zu formulieren. In diesem Blogbeitrag beziehen sich die Regeln auf das obige Beispiel. Im obigen Beispiel haben besonders die mehrdeutigen Referenzen die Anforderungen der Frau interpretierbar gemacht. Mit eindeutigen Referenzen werden die Anforderungen schon deutlich klarer. Durch eine konsistente Verwendung von Begriffen können Anforderungen deutlich an Verständlichkeit gewinnen. Damit sind nicht nur komplizierte Begriffe wie z.B. Anglizismen gemeint, sondern auch Abkürzungen, Verben, Adjektive und Substantive, die in einem gegebenen Kontext anders verwendet als im normalen Sprachgebrauch. Die Testbarkeit von Anforderungen können Sie mit der Verwendung von Vergleichsoperatoren, Mengenangaben und Einheiten herstellen. Des Weiteren lohnt es sich unvollständige Bedingungsstrukturen aufzulösen, indem Sie fehlende Fälle ergänzen. Mit diesem Beispiel konnten wir nicht alle Gefahrenquellen in der Formulierung von Anforderungen abdecken. SOPHIST hat mit seiner Erfahrung ein 17 Regeln umfassendes REgelwerk erstellt, um mögliche Gefahrenquellen zu umgehen. Einen Ausschnitt des REgelwerks sehen Sie hier:

Ausschnitt des SOPHIST REgelwerks

Haben Sie in Projekten Schwierigkeiten mit der Qualität von Anforderungen? Dann melden Sie sich gerne bei unserem Vertrieb. Wir helfen Ihnen gerne weiter (und dann bekommen Sie auch das komplette REgelwerk 😉).

Im nächsten Artikel zeigen wir Ihnen einen Prozess, wie Sie von der Definition/Auswahl von Qualitätskriterien zu Regeln kommen, die Ihren ausgewählten Qualitätskriterien genügen. Also bleiben Sie dran!

Beste Grüße,

Ihre SOPHISTen

Die bisherigen Artikel der Serie:

#1 Warum die Qualität der Anforderungen für die Entwicklung von Systemen entscheidend ist
#2 Kriterien für die Qualität von Anforderungen

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