
Warum KI das Requirements Engineering nicht verdunkelt, sondern neu ausleuchtet
In der industriellen Fertigung wird seit Jahren über sogenannte „Lights-out-Fabriken“ oder „Dark Factories“ diskutiert. Gemeint sind Produktionsumgebungen, in denen Maschinen nicht nur fertigen, sondern auch planen, optimieren und anpassen, weitgehend ohne menschliches Eingreifen.1 Was lange futuristisch klang, ist inzwischen Realität.
Spannend ist dabei weniger die Technik selbst als die Verschiebung der Arbeit. Tätigkeiten, die früher untrennbar mit menschlicher Planung und Bewertung verbunden waren, werden automatisiert oder zumindest vorbereitet. Die Rolle des Menschen in einer solchen Fabrik hat sich stark verändert.
Diese Entwicklung macht nicht an der Werkshalle halt. Sie erreicht inzwischen auch Disziplinen wie das Requirements Engineering, wo methodisches Vorgehen, Kontextverständnis und bewusste Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen.
Ein dunkler Projektraum

Was hat eine Dark Factory mit der Entwicklung von Produkten zu tun? Mehr, als es zunächst scheint. Auch hier lohnt ein Gedankenexperiment. Wie dunkel könnte unser Projektraum eigentlich schon sein?
Stellen wir ihn uns vor. Keine Menschen, keine Diskussionen, kein Whiteboard voller Post-its. Stattdessen Statusanzeigen auf Bildschirmen, grüne Häkchen für erledigte Arbeitsschritte und Datenströme zwischen spezialisierten KI-Agenten. Anforderungen wurden vor wenigen Minuten in ein zentrales System geladen und setzen nun eine Kette automatisierter Aktivitäten in Bewegung.
Ein KI-System analysiert Ziele und Rahmenbedingungen. Ein weiteres leitet Anforderungen ab. Andere erzeugen Architekturvorschläge, generieren Code, Tests und Dokumentation. Ergebnisse werden automatisch weitergereicht. Ein vollständiger Entwicklungsdurchlauf. Schnell, konsistent und effizient Der Mensch tritt lediglich als Stakeholder in diesem Szenario in Erscheinung.
So überzeugend dieses Bild ist, so stark vereinfacht es die Realität. Entwicklungsvorhaben sind selten widerspruchsfrei. Stakeholder verfolgen unterschiedliche Ziele, Erwartungen bleiben unausgesprochen und Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden. Genau diese Situationen erfordern kontinuierliche Einordnung und Abwägung und machen deutlich, warum eine vollständige Automatisierung durch KI zum jetzigen Zeitpunkt unrealistisch bleibt.

KI verschiebt Arbeit, sie ersetzt sie nicht
Der dunkle Projektraum ist deshalb kein Zukunftsversprechen, sondern ein Denkanstoß. Er lenkt den Blick auf eine zentrale Frage. Was verändert sich im Requirements Engineering wirklich, wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt?
Die Antwort ist weniger spektakulär, aber fachlich relevant. KI kann bereits heute viel leisten. Dokumente lassen sich analysieren, Interviews zusammenfassen, Anforderungen aus Texten ableiten, Strukturen vorschlagen, Varianten vergleichen, erste Prototypen vorbereiten u.v.m. Tätigkeiten, die im Entwicklungsalltag viel Zeit binden, lassen sich dadurch schon heute deutlich beschleunigen.
Doch dort, wo es um Empathie, Aushandlung, Kontextverständnis und bewusste Entscheidungen geht, bleibt der Mensch unersetzlich. Gerade im Requirements Engineering zeigt sich deshalb ein klares Muster. KI ist kein Ersatz, sondern eine Verstärkung. Sie bereitet vor, strukturiert und beschleunigt. Ohne den Requirements Engineer fehlt ihr jedoch die Richtung.
Der Raum ist dunkel, weil wir in Zukunft woanders arbeiten
Denken wir das Bild konsequent weiter. Der Projektraum ist dunkel, nicht weil niemand arbeitet, sondern weil sich die Arbeit verlagert hat.
Der Requirements Engineer sitzt nicht mehr stundenlang im Büro, um Interviewprotokolle auszuwerten, Anforderungen zu extrahieren oder erste Prototypen gemeinsam mit dem Entwicklungsteam zu bauen. Diese Tätigkeiten übernimmt zunehmend die KI. Sie arbeitet schnell, iterativ und gut genug, um den nächsten Schritt vorzubereiten.
Wo ist der Requirements Engineer? Er sitzt stattdessen beim Stakeholder.
Im Gespräch.
In der Diskussion.
Im gemeinsamen Denken.
Die gewonnene Zeit verschwindet nicht. Sie wird dort investiert, wo KI an ihre Grenzen stößt. In das Verstehen von Bedürfnissen, in das Aufdecken von Zielkonflikten und in Entscheidungen unter Unsicherheit. Requirements Engineering war nie nur Dokumentation. Es ging immer um Einordnung, Abwägung und Verantwortung.

Ein Blick nach vorn
Diese Blogserie nimmt genau diese Entwicklung in den Blick. Sie zeigt, wie KI Requirements Engineers heute bereits in ihrer täglichen Arbeit unterstützt und wie sich dadurch der Fokus der Rolle verschiebt. Tätigkeiten, die lange Zeit einen hohen manuellen Aufwand erfordert haben, treten in den Hintergrund. Dafür gewinnen andere Aufgaben an Bedeutung. Verstehen, Einordnen und Entscheiden rücken stärker in den Mittelpunkt.
Der Projektraum wird dabei nicht dunkel, weil weniger passiert, sondern weil sich Arbeit verlagert. Viele vorbereitende Schritte laufen außerhalb des Raums ab. Was bleibt, ist der Austausch über Ziele, Erwartungen und Entscheidungen. Genau dort, wo KI nicht selbst handeln kann oder soll.
Im nächsten Beitrag schauen wir deshalb darauf, wie diese Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI konkret beginnt. Nicht bei Methoden oder Werkzeugen, sondern bei der Frage, was eine KI überhaupt wissen muss, um sinnvoll unterstützen zu können. Und was der Requirements Engineer weiterhin selbst leisten muss, wenn sich sein Aufgabenbereich in den kommenden Jahren spürbar verändern soll.
Das Licht im Projektraum mag ausgehen.
Die eigentliche Arbeit beginnt woanders.
[1] Siemens Digital Industries Software: Lights-out Factory,
https://www.sw.siemens.com/de-DE/technology/lights-out-factory/,
zuletzt abgerufen am 29.01.2026.
Was denken Sie darüber?
Ist der dunkle Projektraum für Sie ein realistisches Bild der aktuellen Entwicklung oder sehen Sie die Rolle des Requirements Engineers anders? Wir laden Sie ein, dieses Gedankenexperiment mit uns weiterzudenken und gemeinsam zu diskutieren, wie sich die Arbeit im Requirements Engineering durch den Einsatz von KI heute bereits verändert und in den kommenden Jahren weiter verschieben könnte.
Wenn Sie diese Fragen nicht nur theoretisch, sondern anhand Ihrer eigenen Situation diskutieren möchten, können Sie sich gerne direkt mit unserem Vertrieb austauschen. In einem unverbindlichen Gespräch klären wir gemeinsam, wo KI in Ihrem Requirements Engineering heute sinnvoll unterstützen kann – und wo nicht.
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Wenn Sie die in diesem Beitrag skizzierten Gedanken vertiefen möchten, empfehlen wir unser aktuelles Buch
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