Kill the Feature! – Teil 3

Teil 3: Was wirklich zählt – Mit klaren Kriterien entscheiden, was bleiben darf

Reduktion braucht Mut. Und Methode. Denn nicht jedes Feature ist es wert, im System zu bleiben – auch wenn es mal teuer war.

Wenn wir mit Teams arbeiten, die ihre Systeme entschlacken wollen, hören wir oft dieselbe Frage:

„Woran erkennen wir denn, was wirklich raus kann?“

Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Entscheidungen auf Basis von Bauchgefühl führen meist zu endlosen Diskussionen.

Was du brauchst, ist ein klarer Bewertungsrahmen – fachlich fundiert, praxisnah und im Idealfall sogar messbar.

Die drei Perspektiven auf Feature-Nutzen

Wir empfehlen, jede Funktion durch drei zentrale Brillen zu betrachten – unabhängig davon, wie laut der Stakeholder ruft oder wie alt die Funktion ist:

1. Nutzen für die Nutzer:innen

  • Wird die Funktion tatsächlich genutzt – und zwar regelmäßig?
  • Erleichtert sie eine Aufgabe, löst sie ein echtes Problem?
  • Steigert sie Zufriedenheit, Geschwindigkeit, Sicherheit, Klarheit?

Beispiel: Die „Passwort vergessen“-Funktion wird selten genutzt – aber wenn, dann ist sie essenziell.

Andersherum: Ein Routing-Feature mit fünf Alternativen klingt gut, wird aber kaum verstanden – geschweige denn genutzt.

2. Beitrag zum Business

  • Unterstützt die Funktion ein Geschäftsmodell, einen Prozess oder eine relevante Norm?
  • Gibt es rechtliche oder vertragliche Gründe, sie beizubehalten?
  • Oder ist sie nur da, weil „wir das halt schon immer so gemacht haben“?

Beispiel: ABS im Auto wird selten ausgelöst – ist aber aus Risikoperspektive unverzichtbar.

3. Risikominimierung

  • Verhindert die Funktion potenziellen Schaden – rechtlich, technisch oder sicherheitskritisch?
  • Gibt es Reputations- oder Haftungsrisiken, wenn sie fehlt?
  • Oder verursacht sie durch ihre Existenz mehr Risiko als Nutzen?

PRIORemoval – Die einfache Formel für fundierte Entscheidungen

In Anlehnung an das „Priorisierungs-Paradoxon“ schlagen wir in unseren Trainings eine Bewertungsformel vor:

PRIORemoval = !Notwendig × (Qualität / Nutzung / Beitrag) ÷ Komplexität

Was bedeutet das?

  • Je unnötiger eine Funktion ist – desto stärker gehört sie auf den Prüfstand. 
  • Je geringer ihr tatsächlicher Nutzen für Qualität, Nutzererlebnis oder Business ist – desto eher solltest du sie löschen. 
  • Und je höher die Kosten oder Komplexität für Betrieb und Wartung – desto kritischer ist sie zu bewerten. 

Diese Denkweise hilft, endlich rauszukommen aus den endlosen Diskussionen à la „Aber das hat mal ein Kunde XY gewollt …“

Unsere Empfehlung aus der Praxis

Wir arbeiten regelmäßig mit Product Ownern und Systemverantwortlichen daran, solche Entscheidungen strukturiert vorzubereiten. Was wir dabei immer betonen:

  • Dokumentiere deine Bewertungslogik – nicht nur dein Bauchgefühl.
  • Mache dein Team mitverantwortlich – sonst bleibst du allein der „Feature-Killer“.
  • Und: Fang mit kleinen, unkritischen Funktionen an. Die psychologische Hürde wird mit jedem Schritt kleiner.

Fazit: Klare Kriterien entlasten alle Beteiligten

Wenn du weißt, wonach du Funktionen bewertest, wird aus einem emotional aufgeladenen Thema ein rationaler Dialog.

Du schaffst Sicherheit im Team, Transparenz gegenüber Stakeholdern – und langfristig: ein besseres, wartbareres System.

In Teil 4 sprechen wir über die emotionale Seite des Ganzen:

👉 „Die toxische Funktion – Was du verlierst, wenn du nicht loslässt“

Oder du buchst dir direkt ein Sparringsgespräch mit uns – wir helfen dir, ein strukturiertes Bewertungsmodell für dein Produktteam zu entwickeln.

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