Teil 2: Der Messie in deinem System – Warum du dich nicht von alten Features trennst

Wenn Systeme vollgestopft sind mit Funktionen, die keiner mehr braucht – ist das selten ein technisches Problem. Es ist ein menschliches.
In unseren Coachings und Trainings fragen wir oft provokant:
„Welche drei Funktionen eures Systems könnten heute gelöscht werden – ohne dass es jemand merkt?“
Die Reaktionen sind fast immer gleich: Lächeln. Schulterzucken. Dann Schweigen. Und irgendwann der Satz:
„Naja … eigentlich einige. Aber das darf ich gar nicht laut sagen.“
Warum fällt uns das Weglassen so schwer?
Funktionaler Ballast – aber emotional aufgeladen
In der Produktentwicklung sammeln sich Funktionen oft wie Dinge in einem Keller:
Sie wurden einmal angeschafft. Man hat Zeit, Geld und Diskussionen investiert. Und irgendwie war da ja auch mal ein guter Grund. Also lässt man sie. Man weiß zwar, dass man sie nicht mehr braucht – aber man könnte sie ja nochmal irgendwann …
Wir erleben diese Denkweise fast täglich:
- „Das hat unser früherer Kunde XY gewollt.“
- „Dafür haben wir extra ein Modul gebaut.“
- „Vielleicht nutzt es ja doch jemand.“
Was dahintersteckt, ist kein Mangel an Kompetenz, sondern ein ganz menschlicher Reflex: Verlustvermeidung. Wir hängen an dem, was wir schon haben – selbst wenn es uns belastet.

Was hat das mit einem Messie zu tun?
In einem unserer Trainings hat ein Teilnehmer das auf den Punkt gebracht:
„Unser System ist wie ein Messie-Haushalt: Voll mit Zeug, das keiner mehr nutzt, aber alle Angst haben wegzuwerfen.“
Das Bild hat uns nicht mehr losgelassen. Denn es beschreibt genau, was in vielen Entwicklungsprojekten passiert:
- Man hortet Funktionen „für den Fall der Fälle“.
- Man verteidigt Altlasten mit dem Argument „hat ja mal jemand gebraucht“.
- Man verliert den Überblick, was eigentlich wirklich wichtig ist.
Und genau wie bei einem Messie: Je länger man nichts entsorgt, desto schwieriger wird es, überhaupt noch damit anzufangen.
Unsere Empfehlung: Startet mit einer ehrlichen Inventur
Wir raten Teams immer wieder zu einem mutigen Schritt:
Schaut eure Features an – und bewertet sie nicht nach Invest, sondern nach Nutzen.
Was wird wirklich verwendet?
Was erfüllt noch einen nachvollziehbaren Zweck?
Und was steht einfach nur noch da, weil es halt da ist?
Dabei helfen einfache Fragen:
- Wird diese Funktion aktiv genutzt – oder nur vermutet?
- Kennt der durchschnittliche Nutzer diese Funktion überhaupt?
- Wenn wir sie löschen würden – gäbe es Beschwerden?
Oft reicht schon dieses Gespräch, um einen Aha-Effekt auszulösen.
Löschen heißt: Platz für das Wesentliche schaffen
Wer alte Funktionen entfernt, schafft Raum. Für Klarheit. Für bessere Usability. Für technische Sauberkeit.
Vor allem aber: Für echte Weiterentwicklung.
Denn jedes unnötige Feature verbraucht Energie. Es will dokumentiert, getestet, gewartet und verstanden werden.
Und genau das bremst euch – Tag für Tag, Sprint für Sprint.

Fazit: Mut zum Aufräumen ist strategische Stärke
„Kill the Feature“ ist nicht nur ein cooler Spruch – es ist eine Einladung.
Zum Innehalten. Zum Reflektieren. Und zum bewussten Gestalten.
In Teil 3 zeigen wir dir, wie du objektiv bewerten kannst, welche Funktionen bleiben dürfen – und welche gehen sollten.
Mit klaren Kriterien, einer bewährten Formel und Erfahrungen aus echten Projekten.
👉 Weiterlesen in Teil 3: „Was wirklich zählt – Mit klaren Kriterien entscheiden, was bleiben darf“
Oder sprich direkt mit uns, wenn ihr merkt: „Da liegt einiges im Keller – wir brauchen mal Hilfe beim Ausmisten.“