Kill the Feature! – Teil 1

Warum mehr Funktion deinem Produkt schadet – und was wir aus der Praxis empfehlen

Systeme, die immer größer, langsamer und schwerer wartbar werden – das ist kein Naturgesetz. Es ist ein Muster. Und es ist änderbar.

In unserer Arbeit als Coaches und Trainer im Requirements und Systems Engineering begegnen wir einem Phänomen, das sich durch fast alle Branchen zieht: überfrachtete Systeme, die längst unter ihrer eigenen Komplexität leiden.

Wir erleben Teams, die sich durch unklare Anforderungen und historisch gewachsene Feature-Wüsten kämpfen. Entwickler:innen, die sich fragen, warum sie eigentlich noch Code pflegen, den niemand nutzt. Und Produktverantwortliche, die sich mit Stakeholdern über Funktionen streiten, von denen nie jemand überprüft hat, ob sie überhaupt genutzt werden.

Kommt dir das bekannt vor?

Dann ist dieser Beitrag für dich.

Funktion ≠ Wert – aber das sagt dir (fast) niemand

Was uns regelmäßig irritiert: Funktionen werden eingebaut, priorisiert, verteidigt – ohne zu messen, ob sie wirklich relevant sind.

Da wird die neue Story gefeiert, als sei sie ein Selbstzweck. Es gibt oft keinerlei Nutzungsdaten, keine User-Analyse, keine Rückmeldung außer: „Das war doch teuer – das lassen wir jetzt drin.“

Unsere klare Empfehlung: Trenne dich von der Idee, dass jede Funktion automatisch einen Wert hat. Denn das Gegenteil ist oft der Fall: Funktionen, die nicht genutzt werden, verursachen technische Schulden, verlängern Testzyklen, machen Wartung schwieriger und UX schlechter.

Warum deine Systeme krank wachsen

Die Ursache liegt selten im fehlenden Willen – sondern in der falschen Haltung:

  • Funktionen gelten als Erfolgsmessung.
  • Löschen wird als Versagen gesehen.
  • Kein Budget, keine Verantwortung, kein Prozess für Reduktion.

Das Ergebnis: Systeme, die schwerfällig und unübersichtlich sind – sowohl für Nutzer:innen als auch für die Entwicklungsteams.

Wir nennen das intern: Featureitis.

Was wir aus der Praxis empfehlen

Seit fast 30 Jahren begleiten wir Projekte, in denen Anforderungen modelliert, validiert und weiterentwickelt werden. Dabei beobachten wir immer wieder: Das eigentliche Problem ist nicht das Anforderungsmanagement – es ist das Anforderungsbehalten.

Deshalb haben wir ein Prinzip etabliert, das wir in jedem Training und Coaching betonen:

Ein gutes Produkt entsteht nicht durch das, was du einbaust – sondern durch das, was du weglässt.

Wir empfehlen:

  • bei jeder Funktion die Nutzungswahrscheinlichkeit und den Beitrag zum Systemnutzen zu hinterfragen,
  • Funktionen mit KPIs zu monitoren – oder gar nicht erst dauerhaft zu integrieren,
  • das Thema „Löschen“ aktiv in eure Backlogs und Entscheidungsprozesse zu integrieren.

Denn Reduktion ist keine Schwäche – sie ist strategische Reife.

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Was dich in dieser Serie erwartet

Mit dieser Serie zeigen wir dir, wie du als Engineer, Product Owner oder Entscheider:in wieder Klarheit in deine Systeme bringst:

  • Welche Funktionen wirklich gebraucht werden – und welche nicht.
  • Wie du Nutzerverhalten systematisch bewertest.
  • Warum Löschen kein Rückschritt ist, sondern der Anfang von Qualität.

Wir liefern dir Modelle, Denkwerkzeuge und Erfahrungswerte aus der Praxis. Und wir sprechen offen über das, was oft untergeht: Die Angst, sich von Funktionen zu trennen.

Fazit: Es ist Zeit, umzudenken

„Kill the Feature!“ ist keine Kampfansage gegen Innovation – sondern ein Appell für bessere, wartbare, nutzbare Systeme. Für Software, die dem dient, was sie tun soll. Und für Teams, die nicht unter ihrer eigenen Komplexität zusammenbrechen.

Denn wie sagte Saint-Exupéry so treffend:

„Perfektion ist erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.“

Neugierig geworden?

Dann lies weiter in Teil 2:

👉 „Der Messie in deinem System – Warum du dich nicht von alten Features trennst“

Oder sprich direkt mit uns, wenn du das Thema in deinem Team angehen willst. Wir helfen gern, den Ballast zu erkennen – und loszuwerden.

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