Methodisch vom Lastenheft zum Pflichtenheft – Teil 2: Wie viel RE benötigen Auftragnehmer?

In Teil 1 unserer Blogreihe „Wie viel RE benötigen Auftragnehmer“ haben wir Ihnen vier Kriterien vorgestellt anhand derer Sie grob abschätzen können, welche Qualität hinsichtlich der Anforderungen in einem Pflichtenheft angestrebt werden sollte. In Teil 2 möchten wir Ihnen unterschiedliche Qualitäten von Pflichtenheften aufzeigen, um abschließend in Teil 3 eine Vorgehensweise vorzustellen, wie die jeweilige Qualität methodenunterstützt erreicht werden kann.

Zur Vereinfachung betrachten wir hierzu drei unterschiedliche Qualitätsstufen des Pflichtenheftes: das kommentierte Kunden-Lastenheft, das minimale Pflichtenheft, sowie das vollständige Pflichtenheft. In der Regel wird das kommentierte Lastenheft in der Angebotsphase erstellt und dient zur Bewertung der Kundenanforderungen im Hinblick auf ihre Kosten. Für die vorliegende Betrachtung ist das kommentierte Lastenheft mit einer niedrigen, das minimale Pflichtenheft mit einer moderaten und das vollständige Pflichtenheft mit einer hohen Qualität gleichzusetzen. In der Praxis wird sich die Qualität Ihrer Spezifikation innerhalb dieser Spanne bewegen.

Die Qualität eines Pflichtenheftes wird durch verschiedene Faktoren bestimmt. Diese Faktoren haben wir in der unten stehenden Tabelle zusammenfassend dargestellt (s. linke Spalte). Wesentliche Aspekte sind die Struktur des Pflichtenheftes, Verfolgbarkeit der Anforderungen, sowie verschiedene Anforderungstypen und Anforderungsarten. Im Folgenden soll nun erläutert werden, inwieweit sich diese Inhalte auf die jeweilige Qualität auswirken können.

Kommentiertes Lastenheft Minimales Pflichtenheft Vollständiges Pflichtenheft
Übersicht Es erfolgt ausschließlich eine Bewertung der Kunden-anforderungen im Lastenheft des Auftraggebers Es erfolgt eine Überführung der Kunden-anforderungen in das Pflichtenheft des Auftragnehmers Alle für die Entwicklung notwendigen Anforderungen sind im Pflichtenheft enthalten
Projektunabhängige Struktur des Pflichtenheftes Nein Ja Ja
Jede Kundenanforderung ist zu mindestens einer Auftragnehmer-Anforderung verlinkt N/A Ja Ja
Basisfaktoren Keine (per Definition) Keine (per Definition) Alle
Leistungsfaktoren Alle (per Definition) Alle (per Definition) Alle (per Definition)
Begeisterungs-faktoren Keine (per Definition) Keine (per Definition) Alle denkbaren
Anforderungen von/für beteiligte(n) Abteilungen Ausschließlich diejenigen, die der Kunde vorgegeben hat Ausschließlich diejenigen, die der Kunde vorgegeben hat Alle

 

Die Struktur des Pflichtenheftes kann von projektspezifisch bis projektunspezifisch variieren, bzw. auch Zwischenformen annehmen. Eine projektspezifische Struktur entsteht dadurch, dass das Lastenheft kommentiert wird, um die Kundenanforderungen zu bewerten. Dieses kommentierte Lastenheft wird dann als Pflichtenheft angesehen. Eine Wiederverwendung von diesem Pflichtenheft in anderen Projekten wäre in diesem Fall nur schwer möglich. Im Gegensatz dazu definieren sich das minimale und vollständige Pflichtenheft durch ein eigenes Dokument mit einer eigenständigen, vom Kundenlastenheft unabhängigen Strukturierung der notwendigen Inhalte. Diese Varianten sind selbstverständlich mit einem höheren Aufwand verbunden, sodass dies mit dem Wunsch nach einer späteren Wiederverwendung einhergehen sollte.

Die Verfolgbarkeit von Anforderungen kann in Bezug auf verschiedene Aspekte entscheidend sein. So können z.B. Regularien eine Nachvollziehbarkeit der Anforderungsentwicklung verlangen (vgl. A-SPICE) oder der Auftraggeber möchte auf diese Weise die Erfüllbarkeit seiner Kundenanforderungen nachvollziehen können. Diese Art von Nachvollziehbarkeit kann bei einem kommentierten Lastenheft nicht realisiert werden, da keine eigenen Anforderungen formuliert wurden, die verlinkt werden könnten. Im Fall des minimalen bzw. vollständigen Pflichtenheftes wäre jede Kundenanforderung aus dem Lastenheft zu mindestens einer Anforderung im Pflichtenheft verlinkt. Auf diese Weise liegt eine nachweisliche Dokumentation vor, wie die Kundenanforderungen erfüllt werden.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in den letzten vier Zeilen der dargestellten Tabelle. Hier wird ersichtlich, dass sich das kommentierte Lastenheft und das minimale Pflichtenheft im Hinblick auf die Anforderungstypen und –arten nicht unterscheiden. Im Falle eines minimalen Pflichtenheftes werden die Inhalte des Lastenheftes in eine eigenständige Spezifikation überführt mit einer eigenen Strukturierung. Dies dient als Ausgangspunkt für eine Verbesserung in Richtung eines vollständigen Pflichtenhefts.

Dagegen tauchen in einem vollständigen Pflichtenheft auch Anforderungen auf, die ihren Ursprung nicht in dem Lastenheft haben. Hier spielen besonders die Basisfaktoren (vgl. Kano-Modell, s. „Requirements-Engineering und –Management“ (Chris Rupp & die SOPHISTen, 2014, S.94)) eine wichtige Rolle. Als Basisfaktoren werden die Anforderungen verstanden, die vom Auftraggeber unbewusst vorausgesetzt und nicht explizit im Lastenheft definiert werden. Mit den Begeisterungsfaktoren können Sie dem Kunden, falls gewünscht, für ihn neue Funktionalitäten Ihres Systems „verkaufen“. Auch diese sind offensichtlich nicht im Lastenheft definiert.

Die letzte Zeile der Tabelle adressiert eine weitere wichtige Art von Anforderungen: Die Anforderungen, die von anderen Abteilungen gefordert werden, oder aber für diese relevant sind. Dies können Anforderungen von / an die Fertigung oder eine Testabteilung sein. Auch diese wird der Kunde nicht unbedingt in seinem Lastenheft fordern, da sie aus den Gegebenheiten z.B. Ihrer Produktion oder aber aus der Realisierung des Systems folgen können.

In diesem Teil der Blogserie haben wir Ihnen drei unterschiedliche Qualitätsstufen eines zu erstellenden Pflichtenhefts vorgestellt. Die obere Abbildung gibt Ihnen nochmals einen zusammenfassenden Überblick über die Zusammenhänge von Teil 1 und 2 der Blogserie. Im nächsten Teil werden wir Ihnen Analysetätigkeiten an die Hand geben, durch die Sie bewusst entscheiden können, wo Sie die für die Analyse vorgesehenen Aufwände am besten einsetzen, um die Qualität Ihres Pflichtenhefts zielgerichtet voran zu treiben.

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