Sturmflut Digitalisierung – Wie wir die Orientierung im schnellen Wandel behalten

Wir leben im digitalen Zeitalter. Mit Smartphones und 4G sind wir zu jedem Zeitpunkt erreichbar – beruflich und privat. Ist das gut für uns? Unser Gastautor Peter Holzer zeigt Ihnen, wie Sie in der „Sturmflut Digitalisierung“ nicht untergehen. Auch auf den SOPHIST DAYS 2019 wird sich Peter Holzer diesem Thema widmen.

Der Mensch ist bequem. Und das nutzt die Digitalisierung eiskalt aus. Ob App oder digitales Ökosystem: alles zielt darauf ab, unser Leben einfacher zu machen. Doch die moderne Welt ist ein zweischneidiges Schwert: die Nutznießer der neuen Angebote haben ein schöneres Leben. Gleichzeitig haben wir hinter den Fassaden eine Arbeitswelt geschaffen, für die der Mensch eigentlich nicht geeignet ist. Damit Sie in der Sturmflut Digitalisierung nicht untergehen, müssen Sie dem Wandel eine Richtung geben.

Was wäre die Welt ohne Smartphone. Endlich von überall auf der Welt telefonieren, bis der Akku leer ist. Navigieren, wenn wir mal nicht wissen, wo die Reise hingeht. Schnell ein Taxi rufen, da die Bahn – laut App – mal wieder ausfällt. Die schöne, bequeme Welt ist einfach genial.

Und die Möglichkeiten gehen noch viel weiter. Selbstbewusstsein stärken? Kein Problem, machen Sie sich einfach zum Hauptdarsteller im Sozial-Porno mit dem Titel „Social Media“. Rund um die Uhr arbeiten? Einfach den eMail-Account der Firma aufs Handy laden und selbst im Bett vorm Schlafengehen nochmal schnell schauen, ob Sie gebraucht werden, weil irgendwer noch irgendwas von Ihnen ganz dringend braucht. Ob die Neugier Sie treibt, Sie bereits Smartphone-süchtig sind oder einfach nur das Opfer eines preußischen Pflichtbewusstseins, spielt da schon gar keine Rolle mehr.

Schnell ist nicht gleich sinnvoll

Je schneller sich das Digitalisierungs- und Innovations-Karussell dreht, desto mehr Menschen spielen sich als Zukunftsversteher auf. Erzählen uns, was alles morgen unser Leben bereichern wird. Doch die Wahrheit ist: Zukunft können wir nicht vorhersehen. Denn sie ist nicht in Stein gemeißelt. Im Gegenteil: Zukunft muss von uns gestaltet werden. Und das geht nur: in der Gegenwart. Heute. Hier. Jetzt.

So mancher Trend (StudiVZ, Polaroid, Tamagotchi, …) hat es zwar in die Gegenwart geschafft. Doch wurde er dort einfach nicht nachhaltig von den Kunden angenommen. So schnell wie er kam, ist er auch wieder verschwunden. Und manche Trends sind schon wieder tot, bevor sie überhaupt richtig gelebt haben.

Und so sind wir alle Gäste auf einem Hochgeschwindigkeits-Boot. Das Motto lautet: höher, schneller, weiter. Wenn Sie es wagen, einen der anwesenden Gäste zu fragen: „Wo geht die Reise überhaupt hin?“, werden Sie nur irritierte Blicke bekommen. Die Frage nach dem Sinn, also „Was soll das eigentlich alles?“, stellen Sie besser erst gar nicht. Denn sie lässt sich nicht beantworten.

Peter Holzer (Foto: Teresa Rothwangl)

Unkontrolliert wuchernder Fortschritt

Modernste Software lässt die Arbeit der Menschen immer besser messbar machen. Das Konzept der „Akkordarbeit“ wird sicherlich bald in den modernen Bürogebäuden eine Renaissance erleben. Wie Zitronen quetschen wir das letzte raus. Alles unter dem Siegel der Produktivitätssteigerung. Vertrauen ist gut. Kontrolle viel besser. Wer nicht mitspielen will, hat Angst, rauszufliegen – und macht zähneknirschend gute Miene zu bösem Spiel.

Jenseits des Digitalen macht auch die Biologie technische Quantensprünge. Zum Beispiel, indem wir ein bisschen Gott spielen und an unserem Erbgut herumschnibbeln. Klar, alles immer im Sinne der Heilung. Doch warum wurden dann bereits erste Embryonen künstlich gestaltet, indem man sie nicht von einer Krankheit geheilt, sondern versucht hat, sie gegen HIV resistent zu machen? Das Wunsch-Baby steht so bereits am Horizont. Was hätten Sie denn gerne? HIV-resistent, 1,88m groß, blonde Haare, schwarze Augen, Mathe-Genie, … Doch wir gehen bereits weiter und sind dabei völlig neue Lebensformen zu erschaffen. In Japan wurde Embryonen vom Schwein menschliche DNA eingesetzt, damit das Schwein zu einer lebenden Organ-Spenderbank für den Menschen wird.

Zwar geht immer mehr Raunen durch die Gäste auf dem Speed-Boat. Hier und da macht einer den Mund auf oder erhebt mahnend den Zeigefinger. Aber den Kurs ändert niemand. Bringt auch nichts. Denn dann sitzen ja immer noch die gleichen Kapitäne am Ruder. Also was bleibt? Nur der Sprung ins Wasser.

Zukunft ist ungewiss

Und hier kommen wir ins Dilemma. Niemand weiß, wie die Zukunft werden wird, in die das Speed Boat orientierungslos ballert. Sie ist also ungewiss. Damit wir uns besser fühlen, fokussieren wir uns besser nur auf die positiven Aspekte, blenden den Rest aus und hoffen, dass es schon gut gehen wird.

Doch da war doch noch die Alternative: Das Boot verlassen und ins offene Meer springen. Das ist jedoch genauso ungewiss. Denn wo ist das nächste Land? Und wie sollen wir dort ein neues Boot bauen?

Es sind also beide Wege ungewiss: orientierungslos weitermachen nach dem Motto „alles ist möglich“ – oder ausbrechen und einen neuen, sinnvollen Weg einschlagen. Und wenn keiner dieser Wege absolute Sicherheit verspricht, dann können wir uns auch für den sinnvollen Weg entscheiden. Das werden wahrscheinlich nicht die Etablierten machen. Denn die müssen Eigenheim, Auto und Familienurlaub finanzieren. Den Ausbruch werden wohl eher die jungen wagen. Die nachwachsende Generation, die etwas Sinnvolles gestalten will. Es ist auch völlig egal, wer den Anfang macht. Hauptsache, wir haben Pioniere, die einen neuen, sinnvollen Weg gestalten, damit die sicherheitsbewusste Masse der Siedler bereit ist, ebenfalls den Kurs zu ändern.

Sinnvolle Zukunft braucht Horizont

Wenn Sie in einer sinnvollen Zukunft landen wollen, in der Sie auch gut und gerne leben können, dann müssen Sie diese aktiv gestalten. Dazu brauchen Sie zwei Dinge.

Erstens, einen Horizont. Also eine konkrete Vorstellung davon, wo Sie ankommen wollen. Ein Zielbild. Wie soll die Welt morgen aussehen? Die Antwort sollten Sie sich ausmalen, bevor Sie loslaufen. Den Freiheit braucht Grenzen.

Zweitens, sie müssen Gegenwart machen. Heißt, heute die richtigen Schritte gehen, um ein Stück näher an Ihren Horizont ranzukommen. Also keine Zeitverschwendung und keinen unproduktiven Mist mehr, der Sie weg vom Horizont bringt. Sondern nur noch das, was Sie näherbringt. Schritt für Schritt. Tag für Tag.

Dazu brauchen Sie Mut, sich anzuschauen, wo Sie heute stehen. Und Mut, davon zu träumen, wie es morgen mal werden soll. Und schließlich brauchen Sie eine mutige Haltung, um das auch wahrzumachen, was heute der nächste Schritt sein soll. Trotz all der bösen Blick der etablierten Gäste auf dem Speed Boat…

Video zum Artikel finden Sie hier.

Über den Autor:

Peter Holzers Karriere hätte kaum bilderbuchhafter sein können: Bereits mit 24 Jahren verantwortete er den Vertrieb eines Mittelstandsfonds. Nach einer plötzlichen Erkrankung fasste er den Mut, einen Neustart zu wagen. Heute unterstützt er Familienunternehmen dabei, ihre Ideen mutig in die Praxis umzusetzen. Sein aktuelles Buch heißt „Mut braucht eine Stimme. Wie Sie Ihrem Leben Wirkung geben“.

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