Warum Requirements-Engineering ein paar hundert Jahre zu spät kommt

Eine verschollene Glocke und zwei Ermittlungstechniken, die Abhilfe geschafft hätten

Willkommen zurück in Schilda! Einem kleinen, mittelalterlichen Dörfchen, dessen Bewohner sich nicht gerade mit Schlauheit bekleckert haben, aber dafür viel Input für unsere Blogbeiträge liefern. Nach Beweis Nummer eins und zwei folgt nun der dritte und letzte:In unsicheren Zeiten versenkten die Schildbürger eine wertvolle Kirchenglocke im See.[1] Natürlich wollten sie die Glocke in besseren Zeiten wieder benutzen. So markierten die Schildbürger das Glockenversenkboot mit einer Kerbe. Und zwar genau an der Stelle, an der sie die Glocke dem See übergaben. Die Zeiten änderten sich und so kam der Tag, an dem die Schildbürger die Glocke aus dem See bergen wollten. Nur half ihnen die Kerbe im Bootsrand nicht weiter. Sie konnten die Glocke einfach nicht finden. Vor lauter Wut schlugen sie eine noch größere Kerbe in das Boot. Dieser Prozess half ihnen bei der Glockenfindung nur leider auch nicht.

Schildbürger d. RE_Teil 3_sophist

Von dieser kleinen Schildbürger-Episode schlagen wir den mehr oder minder galanten Bogen zu den Ermittlungstechniken Reuse und Systemarchäologie. Diese artefaktbasierten Techniken [2] können zum Einsatz kommen, wenn Wissensträger ein Unternehmen verlassen haben und damit auch der Zugang zur Fachlogik eines Systems erschwer ist. Die kann nun nur über System selbst und seiner Dokumentation ermittelt werden.
Beide Techniken stellen sicher, dass bei der Analyse des bestehenden Systems keine bereits implementierte Funktionalität vergessen wird. Die bestehende Funktionalität wird – soweit gewünscht – im Neusystem umgesetzt. Um eine neue Glocke zu bauen, hätten, die Schildbürger dazu natürlich erst einmal Zugang zum bestehenden System (=Glocke) haben müssen. Einen Blick in eine Dokumentation, die genau beschreibt, welche Anforderungen es denn so an eine Glocke gibt, hätte helfen können. (Ganz abgesehen von einer Dokumentation der genauen Koordinaten, wo die Glocke versenkt wurde.) Alles hätte helfen können, dem System und dem See auf den Grund zu kommen. Ein Blick in z. B. Handbücher, Tutorials usw. erscheint auch leichter als das Tauchen auf den Grund eines Sees.
Beim Einsatz artefaktbasierter Ermittlungstechniken bleibt Unterbewusstes, aber Bewährtes im neuen System erhalten. Neben Kosten spart es auch Nerven, Anforderungen wiederzuverwenden. Sind die bestehenden Anforderungen von guter Qualität, kann das Prüfen und Korrigieren der Anforderungen reduziert werden. Auch andere Projektbeteiligte neben dem Requirements-Engineer dürfen sich freuen: Unter Umständen existieren für diese Anforderungen auch bereits weitere Informationen wie Testfälle oder Teile eines Modells. Die Schildbürger dienen hier als Negativbeispiel: Für sie ist es schwierig, eine neue Glocke zu bauen, da eben weder ein vergleichbareres System noch Anforderungen von guter Qualität dokumentiert sind.

 

[1] U.a. Wunderlich, Wener (Hrsg.): Das Lalebuch. In Abbildung des Drucks von 1597. Göppingen 1982: Litterae. Göppinger Beiträge zur Textgeschichte. Bd. 87.
Preußler, Ottfried: Bei uns in Schilda – die wahre Geschichte der Schildbürger nach den Aufzeichnungen des Stadtschreibers Jeremias Punktum. 18., Auflage. Thienemann: Stuttgart 1988.
[2] Rupp, Chris und SOPHISTen, die: Requirements- Engineering und -Management – Aus der Praxis von klassisch bis agil. Hanser: München 2014. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kapitel 6.

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