Aus alt mach neu

Clever ist, wer das Rad nicht ständig neu erfindet und die dadurch gewonnene Energie woanders sinnvoll investiert. Möglich wird das unter anderem ein regelgeleitetes Wiederverwendungskonzept  – IVENA.

Doch bevor wir uns konkret mit IVENA beschäftigen, möchten wir zunächst folgende Frage in den Raum werfen:

Wie viel Potential birgt so eine Wiederverwendung tatsächlich?

 

Nun…wir würden sagen…es birgt viel Potential. Aber lassen Sie uns das am besten anhand einiger Fakten verdeutlichen. Zum einen zeigen Untersuchungen von Capers Jones, dass die Wiederverwendung von Anforderungen die Produktivität in der Systementwicklung um das bis zu Dreifache steigern kann (oder um das bis zu Dreifache senken kann, wenn notwendige Tätigkeiten nicht sorgsam durchgeführt werden). Zum anderen ist zwar der Mehraufwand mit der Einführung im ersten Projekt 2-15% höher, reduziert sich dann aber bei allen nachfolgenden Projekten deutlich. Das kann sogar soweit gehen, dass für ein neues Projekt bis zu 80% der Informationen wiederverwendet werden können. Langfristig entfällt damit außerdem beim Anwenden einer Lösung für mehrere Produkte der Pflegeaufwand für mehrere, nahezu identische RE-Lösungen.

Wenn man sich mit dem Thema Wiederverwendung beschäftigt, so findet man eine Vielzahl von Ansätzen, die je nach Rahmenbedingungen unterschiedlichen Erfolg bringen. Wenn Sie einen Überblick über die potentiellen Kanditen haben möchten, verweisen wir auf unser Buch „Requirements- Engineering und –Management – Aus der Praxis von klassisch bis agil“ (Kapitel 21 „Wiederverwendung – aus alt mach neu“). Wir möchten uns in diesem Teil auf IVENA und den dazugehörigen Wiederverwendungsprozess beschränken.

Aus dem letzten Artikel kennen Sie bereits die Definition von IVENA („Integriertes Vorgehen zur Ermittlung nicht-funktionaler Anforderungen“). Auf diesem Vorgehen basiert der hier im Folgenden vorgestellte Wiederverwendungsansatz.

Als erstes benötigen Sie dazu eine Referenzdatenbank (oder auch Wiederverwendungs-Pool). Als zweites braucht es einen Datenbankverantwortlichen, am besten einer der erfahreneren Mitarbeiter. Haben Sie diese zwei Voraussetzungen erfüllt, steht dem eigentlichen Prozess nichts mehr im Wege. Dieser läuft in drei aufeinanderfolgenden Phasen ab:

  • Analyse bestehender Wiederverwendungskandidaten
  • Organisation der Wiederverwendungskandidaten
  • Synthese der bestehenden Wiederverwendungskandidaten

Generell geht es darum, den Prozess kontinuierlich durchzuhalten, da sich der Nutzen einer solchen Datenbank zu Beginn noch nicht so recht heraus kristallisiert. Doch mit zunehmenden Iterationen werden die gesammelten NFAs immer vollständiger und stellen somit eine ständig wachsende Quelle von wiederverwertbaren Anforderungen dar, welche wiederum von anderen Projekten immer effektiver eingesetzt werden kann.

                                    Abbildung 1: Der Wiederverwendungsprozess

In der Phase der „Analyse“ werden die vorhandenen Anforderungen aus bereits abgeschlossenen Projekten  (oder laufenden Projekten) nach Wiederverwendbarem durchsucht. Hier können die Anforderungen in unterschiedlichen Abstraktionsstufen (von sehr detailliert bis sehr grob) dokumentiert werden. Anschließend müssen sie neutralisiert werden, d.h. alle spezifischen Teile, z.B. konkrete Werte bei nicht-funktionalen Anforderungen, werden durch neutrale Platzhalter ersetzt.

In der zweiten Phase „Organisation“ werden die Informationen kategorisiert und in einem geeigneten Speichermedium (z.B. eine Datenbank) mit geeigneter Strukturierung hinterlegt. Natürlich sind Dubletten dabei unerwünscht.

In der Phase der „Synthese“ kommt die Frucht unserer bisherigen Arbeit zum Vorschein. Jetzt können Sie für Ihr neues Projekt alle relevanten Wiederverwendungskandidaten aus der Datenbank extrahieren. Hierbei unterstützt die vorher eingeführte Kategorisierung ein rasches Auffinden der gesuchten Informationen. Haben Sie z.B. nicht-funktionale Anforderungen in der Referenzdatenbank abgelegt, so können Sie diese auf mögliche Wiederverwendung in Ihrem neuen Projekt untersuchen und ggf. im Anschluss mit projektspezifischen Daten anpassen.

Im Rahmen unseres Wiederverwendungskonzepts IVENA hat SOPHIST über viele Jahre hinweg den oben beschriebenen Wiederverwendungsprozess angewandt und die Ergebnisse in der IVENA-Datenbank dokumentiert. Die Aufgabe einiger SOPHISTen war es jetzt, alle dokumentierten Informationen nochmals zu analysieren, ggf. qualitativ zu verbessern und neue Informationen zu ergänzen. Unser Ziel ist eine Datenbank für nicht-funktionale Anforderungen, die durch das Anwenden der neuen MASTeR-Schablonen für nicht-funktionale Anforderungen qualitativ hochwertig sind und mittels Neutralisation für weitere Projekte angewendet werden können.

Damit sind wir auch schon ans Ende unserer kleinen Blogserie angelangt. Wenn Sie wissen möchten, wie Sie Anforderungen qualitativ mit Hilfe der MASTeR-Schablone verbessern können, empfehlen wir Ihnen den Blogartikel MASTeRhaft: Satzschablonen für nicht-funktionale Anforderungen Teil 1.

Wir wünschen Ihnen für Ihre Projekte viel Erfolg

Herzliche Grüße von Ihren SOPHISTen

Nicht-funktionale Anforderungen – die heimlichen Stars der Systementwicklung

NFAs clever kategorisieren!

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