RoSE: Requirements-oriented Service-Engineering (Teil 4) – Anforderungen an Services ermitteln

In Teil 3 unserer Blogserie haben wir uns mit Anforderungen und Anforderungsarten an die IT-gestützte Realisierung von Services beschäftigt. Nun betrachten wir ausgehend von diesen Überlegungen und im Rahmen der groben Analyse von Services, welche Besonderheiten es bei der Anforderungsermittlung im Service-orientierten Umfeld gibt. Hierfür sehen wir uns, wie auch in den vergangenen Blogbeiträgen, insbesondere die technischen Services an.

Für die Anforderungsermittlung kennen wir im RE zahlreiche Ermittlungstechniken, die wir anhand unterschiedlichster Einflussfaktoren in folgende Arten aufteilen (Rupp, 2009):

  • Kreativitätstechniken werden für die Entwicklung innovativer Ideen und daher für die Ermittlung von Anforderungen auf einem abstrakten Detaillierungslevel verwendet. Kreativitätstechniken eignen sich daher insbesondere für die Ermittlung von unbewussten Anforderungen.
  • Befragungstechniken finden in erster Linie bei der Ermittlung von bewussten Anforderungen Anwendung, da hier gezielt nach den Wünschen und Bedürfnissen der Stakeholder gefragt wird. Je nach den Anforderungen der Stakeholder sind Befragungstechniken für unterschiedlichste Detaillierungsgrade von Anforderungen geeignet.
  • Beobachtungstechniken ermöglichen die Anforderungsermittlung besonders bei Stakeholdern, denen es schwer fällt ihre Anforderungen zu kommunizieren, oder die wenig Zeit für das Mitwirken bei der Ermittlung von Anforderungen besitzen. Bei dieser Art von Ermittlungstechniken beobachtet der Requirements-Engineer die relevanten Stakeholder und dokumentiert ihre Arbeitsschritte, um daraus Anforderungen abzuleiten. Durch Beobachtungstechniken können so unterbewusste Anforderungen ermittelt werden.
  • Artefaktbasierte Techniken werden erforderlich, wenn das Wissen um das bestehende System in Form von Dokumentation vorhanden ist, oder Wissensträger nicht erreichbar sind. Da bestehende Lösungen und Erfahrungen wiederverwendet werden, eignen sich diese Ermittlungstechniken besonders für die Ermittlung von unterbewussten Anforderungen, welche die meisten Stakeholder als selbstverständlich voraussetzen würden.
  • Unterstützende Techniken sollten anhand ihrer Vorteile so ausgewählt werden, dass sie die Schwächen bereits gewählter Ermittlungstechniken ausgleichen.

Bei der groben Analyse eines Service muss für unseren Betrachtungsgegenstand geklärt werden, welche grundsätzlichen Anforderungen es an die IT-gestützte Realisierung des Service gibt und ob diese durch bereits vorhandene technische Services erfüllt werden können.

Betrachten wir nun die Anforderungsermittlung bei technischen Services, so lassen sich folgende Besonderheiten bei den einzelnen Arten von Ermittlungstechniken feststellen:

  • Kreativitätstechniken: Bei der Ermittlung von Anforderungen an technische Services haben die Kreativitätstechniken, die zur Ermittlung von innovativen Ideen dienen, keinen nennenswerten Einfluss. Dies geht aus der Tatsache hervor, dass vor der IT-gestützten Realisierung eines Service zunächst festgelegt werden muss, was als technische Services realisiert werden soll.
  • Befragungstechniken: Um Geschäfts-Services IT-gestützt realisieren zu können muss in Erfahrung gebracht werden, ob diese Realisierung in Anbetracht der Umstände (z. B. der Kommunikationsinfrastruktur) möglich ist. Hierfür können durch Befragungstechniken die bewussten Anforderungen der Stakeholder an die technische Realisierung des Service ermittelt werden.
  • Beobachtungstechniken: Für die Ermittlung von Anforderungen an technische Services ist der Einsatz von Beobachtungstechniken grundsätzlich nicht empfohlen. Die zur Ermittlung von unterbewusstem Wissen verwendeten Techniken lassen sich in erster Linie bei Abläufen anwenden, welche beobachtbar sind. Dies wäre in erster Linie bei den fachlichen Abläufen von Bedeutung, jedoch nicht bei deren IT-gestützter Realisierung, da technische Services keine Benutzungsoberfläche besitzen, wie im vergangenen Blogbeitrag beschrieben wurde.
  • Artefaktbasierte Techniken: Als empfehlenswert kann dagegen der Einsatz artefaktbasierter Techniken gesehen werden, denn im Service-orientierten Umfeld zieht man in der Regel ein zentrales Verzeichnis (Repository) heran, in welchem die fachlichen Details eines Service hinterlegt sind (Josuttis, 2008). Dieses Verzeichnis kann für die Anforderungsermittlung herangezogen werden, um das Wiederverwendungspotenzial bestehender technischer Services feststellen zu können.

Es lässt sich also folgern, dass für die Anforderungsermittlung bei technischen Services insbesondere Beobachtungstechniken und artefaktbasierte Techniken von Bedeutung sind. Diese und weitere Erkenntnisse sind in Abbildung 1 in Form einer Empfehlungsmatrix veranschaulicht, die als Entscheidungshilfe bei der Auswahl geeigneter Ermittlungstechniken für die Anforderungsermittlung im Service-orientierten Umfeld herangezogen werden kann.

Blog_RE u. SOA_Teil 4_Empfehlungsmatrix
Abbildung 1: Empfehlungsmatrix für die Auswahl von Techniken zur Ermittlung von Anforderungen an technische Services

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Teil 1: RoSE: Requirements-oriented Service-Engineering – Was ist SOA?  
Teil 2: RoSE: Requirements-oriented Service-Engineering  – RE für Services  
Teil 3: RoSE: Requirements-oriented Service-Engineering  – Anforderungen und Services 

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Literaturverzeichnis

Josuttis, Nicolai. 2008. SOA in der Praxis. 2008. S. 287.

Rupp, Chris. 2009. Requirements-Engineering und -Management. s.l. : Carl Hanser Verlag, 2009. S. 85-113.

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