Informatik in der Grube, in der Fundgrube

Für Germanisten ist die Informatik eine echte Fundgrube. Diese Aussage ist alles andere als negativ gemeint, wie auch ein Blick in den Duden beweist: Eine Fundgrube ist „etwas, was für ein bestimmtes Interesse sehr ergiebig, wertvoll, von großer Bedeutung ist“.

Da zur Arbeit eines Germanisten weit mehr als das Wälzen von Büchern gehört, ist die Informatik für Germanisten genau das. Ein vielseitiges und interessantes Teilgebiet der Germanistik ist die Sprachwissenschaft. Dieser Blogeintrag gibt Ihnen einen kleinen Einblick in eben jene vielseitige Wissenschaft und zeigt, wie ergiebig die Informatik für sie ist.

(K)ein T für Attribuierung

Zu einer Anforderung gehören neben ihrem eigentlichen Inhalt noch viele zusätzliche Informationen. Mithilfe von Attributen können Sie diese Informationen sammeln und so auch einem Informationschaos entgegenwirken – Das wichtigste Attribut einer Anforderung ist ihre ID.

In den RE-Wortschatz schleicht sich immer häufiger das Wort *Attributierung ein. Im Duden findet sich jedoch der Eintrag Attribuierung. Warum der nach den Regeln der Wortbildung richtig ist, sei hier kurz dargestellt. Sie können sich Wortbildung als einen Baukasten mit den unterschiedlichen Steinen vorstellen. In der beiliegenden Bedienungsanleitung würden Sie folgende Hinweise finden: Mit dem Suffix –ierung bilden Sie aus einem Verbstamm ein Substantiv. Der Verbstamm, der unserem Beispiel zugrunde liegt, leitet sich vom lateinischen Attribuere ab. Attribu ist der Verbstamm, an dem Suffixe wie –t, –ieren und –ierung angehangen werden. In der Wortschöpfung *Attributierung liegt kein Verbstamm, sondern das Substantiv Attribut zugrunde.

Das schöne an Wortbildung ist aber, dass sie ein andauernder Prozess ist, in dem der Gebrauch der Wörter eine große Rolle spielt. So kann es durchaus sein, dass Sie in ein paar Jahren zunächst beide Versionen (mit und ohne –t-) im Duden finden und irgendwann vielleicht sogar nur die mit –t-.

Modalverben muss und sollte

Die beiden Modalverben kennen Sie vielleicht aus der SOPHIST Satzschablone. Dort werden sie häufig als Hilfsverben bezeichnet. Genau genommen ist das jedoch nicht ganz richtig. Hilfsverben sind im Deutschen werden, sein und haben. Mit ihnen können Sie Zeitformen und Passiv bilden (z. B. Ich habe / werde eine Anforderung geschrieben / schreiben, Die Anforderungen wird geschrieben). Mit Modalverben hingegen modifizieren Sie die Bedeutung einer Aussage. So passiert es in der SOPHIST Satzschablone. Alle Anforderungen mit dem Modalverb muss sind verpflichtend in der Umsetzung. Mit dem Modelverb sollte wird lediglich der Wunsch eines Stakeholder beschrieben. Mit dem Hilfsverb wird hingegen dokumentieren sie eine Absicht des Stakeholders. Die Bestimmung von Wortarten ist nicht immer eindeutig und einfach. Sie erhöht aber das Sprachverständnis und ermöglicht Sprachreflexion.

Satzbau im BedingungsMASTeR

Weiter geht es mit dem Thema Satzschablone. Vielleicht kennen Sie schon unsere MASTeR- Broschüre? Eine darin beschriebene Schablone ist der BedingungsMASTeR (vgl. Abbildung 1).

Informatik i. d. Fundgrube_BedingungsMASTeR
Abbildung 1: BediungungsMASTeR

Er besteht aus einem Neben- und Hauptsatz und ist die einzige MASTeRSchablone, die aus einem Satzgefüge besteht (d. h., sie besteht nicht nur aus einem einfachen Hauptsatz). Das hat zur Folge, dass sich der Satzbau im Anforderungshauptsatz ändert. Das Verb (genauer: finite Verb) rückt an die erste Stelle und in Ihrer Anforderung heißt es nicht „Das System muss / sollte / wird …“, sondern „[Bedingung], muss / sollte / wird das System …“. Warum das so ist? In Aussagesätzen im Deutschen steht das finite Verb immer an zweiter Stelle. Da der BedingungsMASTeR mit einem Nebensatz mit der Konjunktion falls, sobald oder solange beginnt, nimmt er die erste Stelle im Anforderungssatz ein. An die zweite Stelle muss nun das Modalverb muss oder sollte oder das Hilfsverb wird stehen.

Für Ihren Arbeitsalltag sind diese Beobachtungen nicht weltbewegend. Sie geben Ihnen aber einen kleinen Einblick in den Gegenstand der Germanistik: u. a. Wortbildung, Wortarten und Satzbau des Deutschen. Das Ihnen als Muttersprachlern eigene Sprachgefühl mit ein wenig wissenschaftlich fundiertem Sprachwissen zu erweitern, hat sicherlich nichts negatives, oder?

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