Der Kern des Problems – Essenzbildung in der Anforderungsermittlung

Als letzten Beitrag in unserer Blogserie zu unterstützenden Techniken bei der Anforderungsermittlung widmen wir uns der Essenzbildung, die sich mit nahezu jeder Ermittlungstechnik kombinieren lässt.

Der Einsatz dieser Technik ist vor allem eine wichtige Voraussetzung zur Wiederwendung von Anforderungen. Sie hat die Intention, den Kern eines Problems so lösungsneutral wie möglich darzustellen. Dies ist notwendig, um zum Beispiel die Realisierung durch neue Technologien in Betracht ziehen zu können. Eine unreflektierte Wiederverwendung der Anforderungen eines Altsystems würde eher zu einer teuren Kopie des bereits existierenden Systems führen.

Essenzbildung nutzt die Fähigkeit eines Analytikers, bestimmte Abläufe zu abstrahieren und in Zusammenarbeit mit dem Stakeholder zu optimieren.

Ausgangsbasis sind die Informationen des Stakeholders, also seine Problemschilderung oder die von ihm formulierten Anforderungen an das neue System. Diese wird er typischerweise lösungsorientiert vermitteln. Die Aufgabe des Analytikers besteht darin, das jeweilige Problem auf seine Essenz zu reduzieren und somit den dahinterliegenden Prozess zu ermitteln und zu benennen. Kurz gesagt stellt er (nicht nur einmal) die Frage: „Warum?“.

Ist die Essenz ermittelt, wird eine konkrete Lösung des Problems entwickelt. Stellt man dabei fest, dass die (neue) Lösung noch nicht ausreichend ist, ist eine weitere Essenzbildung nötig.

Abb. 1: Vom Pragmatischen zum Essentiellen und zurück

Die Essenzbildung ist als unterstützende Technik in der Anforderungsermittlung nahezu branchen- und stakeholderunabhängig einsetzbar. Dabei wird die typische unreflektierte und lösungs-fokussierte Sichtweise der jeweiligen Stakeholder durch den Analytiker hinterfragt und auf Prozessebene reduziert. Sie eignet sich daher im Zusammenhang mit nahezu jeder Ermittlungstechnik.

Hier endet unsere Blogserie zu unterstützenden Techniken bei der Ermittlung von Anforderungen. Wir haben Ihnen das Mind-Mapping, CRC-Karten, Card-Sorting, Prototyping, Audio- und Videoaufzeichnungen, den User Walkthrough, den Elevator Pitch und heute die Essenzbildung vorgestellt. Auch wenn diese Liste lang ist, so ist sie bei Weitem nicht vollständig. Sollen Sie noch mehr zu diesem Thema wissen wollen, empfehlen wir Ihnen das CPRE-Advanced-Level-Training Elicitation und Consolidation, das sich mit verschiedenen Ermittlungs- und Prüftechniken im Requirements-Engineering auseinander setzt.

Unsere nächsten Offenen Trainings dazu finden Sie hier.

Quelle:
Chris Rupp & die SOPHISTen: Requirements-Engineering und-Management (5. Auflage), Hanser Verlag

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