Wie meint es der eine und wie versteht es der andere… (VIII)

Wir nähern uns langsam dem Ende unserer Studienreise durch das SOPHIST-REgelwerk. Alle diejenigen, die langsam an die Grenzen ihrer Merkleistung stoßen, können wir beruhigen: Dieses Mal folgen die letzen Regeln zur Formulierung tadelloser Anforderungen. Versprochen.

Bevor wir Sie aber mit reichlich gesammeltem Anforderungswissen in die Semesterferien entlassen, geht es noch einmal zur Sache. Nachdem wir nun an sämtlichen Innereien einer Anforderung herumgedoktert haben, müssen wir abschließend eine Art Metaperspektive einnehmen, um eine Anforderung  im Zusammenhang mit ihrer Gesamtspezifikation zu betrachten.

Anforderungen spezifizieren naturgemäß ein Standard- bzw. Normalverhalten eines zu beschreibenden Systems. Prüfen Sie Ihre Anforderung deswegen immer nach eventuellen Ausnahmefällen. Nur so können Sie sicher sein, dass auch wirklich alle Verhaltensspielräume des Systems in Ihrer Spezifikation berücksichtigt werden. Die Anleitung dazu finden Sie in dieser Regel:

Neben der Spezifikation von Ausnahmefällen müssen aber auch die Bedingungsstrukturen einer Anforderung im Normalverhalten berücksichtigt werden. Genauer gesagt die Fälle, in denen diese Bedingungen nicht zutreffen. Ergänzen Sie daher jedes bedingte Verhalten einer Anforderung entweder durch eine neue zusätzliche Anforderung oder eine Erweiterung der bestehenden Anforderung. Anforderungen, die eine Bedingung enthalten erkennen Sie an diversen Signalwörtern wie „wenn“, „falls“, oder „abhängig von“ usw. Ein Beispiel:

„Falls ein Leihobjekt nicht reserviert ist, muss das Bibliothekssystem dem Bibliothekar die Fortsetzung des Ausleihprozesses ermöglichen.“

Hier bleibt die Frage nach dem Systemverhalten im Falle eines reservierten Leihobjektes offen. Ergänzen Sie diese Information, indem Sie für diesen Fall eine neue Anforderung aufnehmen.

Zum Abschluss wollen wir nochmal auf das Phänomen der Tilgung zurückkommen. Techniken zum Umgang mit Tilgungen haben wir bereits in früheren Regeln dieser Blogreihe vorgestellt. Implizite Annahmen z. B. sind getilgte Aussagen in einer Anforderung, die dem Anforderungsschreiber so selbstverständlich sind, dass er sie gar nicht explizit dokumentiert, implizit aber voraussetzt. Wir stellen nun noch eine letzte Regel vor, mit deren Hilfe Sie derartige implizite Annahmen einer Anforderung aufdecken und diese Information in einer weiteren Anforderung unterbringen können.

Als Beispiel zur Anwendung dieser Regel schauen wir uns die folgende Anforderung an:

„Nachdem das Bibliothekssystem die eingegebenen Registrierungsdaten eines neuen Bibliothekskunden gespeichert hat, soll das Bibliothekssystem einen Benutzerausweis ausdrucken.“

Damit die eigentliche Funktion der Anforderung, nämlich „Benutzerausweis ausdrucken“, ausgeführt werden kann, muss erst die durch den Nebensatz implizit geforderte Annahme („Registrierungsdaten speichern“) erfüllt sein. Existiert diese Anforderung noch nicht, muss sie zusätzlich aufgenommen werden. Signalwörter für diese zeitlich/logischen Ablaufbeschreibungen, wie sie in diesem Nebensatz auftreten, sind z. B. „falls“, „nachdem“, „sobald“, „wenn“, usw.

Wie anfangs bereits erwähnt, haben wir hiermit alle Regeln des SOPHIST REgelwerks ausgeschöpft. Im nächsten und letzten Blog dieser Reihe werden wir dann eine kleines Verpflegungspaket für Sie zurecht schnüren, in dem die wichtigsten Regeln zur Optimierung von Anforderungen enthalten sind.

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