Wie meint es der eine und wie versteht es der andere… (I)

Haben Sie sich eigentlich auch schon mal gefragt, wieso niemand Sie so versteht, wie Sie es eigentlich gemeint haben? Bevor Sie sich von aller Welt im Stich gelassen fühlen, können Sie es gerne einmal mit Telepathie probieren. Einfacher wäre allerdings folgender Vorschlag:

„Reden Sie einfach nur Klartext!“
Schon ein klein wenig theoretisches Hintergrundwissen kann Ihnen zu eindeutigen, unmissverständlichen Ausdrucksweisen verhelfen.

Eine kurze Geschichte aus dem Leben
Bestimmt kommt Ihnen folgende Situation bekannt vor: Sie sagen zu Ihrem Lebenspartner: „Es ist keine Butter mehr im Kühlschrank!“ Trotz entsprechender Betonung fühlt sich Ihr Partner aber gar nicht angesprochen mit dem Resultat, dass Sie das Abendbrot ohne Butter zu sich nehmen oder mal wieder selbst einkaufen gehen müssen. Wenn Sie nun Ihren Partner zur Rede stellen, werden Sie wahrscheinlich Einwände hören wie: „Uuups, sollte ich etwa Butter einkaufen gehen?“ und „Ach so, ich sollte die Butter heute Abend zum Essen mitbringen!“…

Auch wenn wir alle wissen, dass diese Argumentationsreihe in Partnerschaften manchmal recht fadenscheinig klingt (genauso wie die Aussage „Töpfe kann man nicht spülen!“), hat Ihr Partner (streng genommen) Recht damit. Sie haben weder artikuliert, dass eingekauft werden soll oder dass Ihr Partner den Einkauf übernehmen soll, noch haben Sie den Zeitpunkt des Einkaufs konkretisiert.

Auf das „Gemeinte“ kommt es an!
Was können Sie also machen, um Ihre Partnerschaft etwas harmonischer zu gestalten? Falls Sie nicht voraussetzen können, dass Ihr Lebenspartner über hellseherische oder telepathische Fähigkeiten verfügt oder Sie nicht immer einen Einkaufzettel unter Hypnose erstellen wollen, wäre die einzige praxistaugliche Alternative die präzisere Beschreibung Ihrer Wünsche. Denn genau hier liegt das Kernproblem menschlicher Kommunikation: In der Differenz zwischen Gesagtem und Gemeintem.
Die in der natürlichsprachlichen Kommunikation auftretenden Phänomene wurden bereits in unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen untersucht. Insbesondere im Metamodell der Sprache des Therapieansatzes Neurolinguistisches Programmieren (NLP) werden wesentliche linguistische Grundkonzepte beschrieben, die uns helfen zu verstehen, was der andere mit dem was er ausdrückt wirklich meint.

Und was hat das alles mit der IT zu tun?
In IT-Projekten geht es uns häufig ähnlich. Wieso fragt ein Entwickler ständig nach, was mit der Anforderung eigentlich genau gemeint ist? Im schlimmsten Fall fragt er nicht und entwickelt einfach drauf los – dann auch meistens an der eigentlichen Intention vorbei.
Anforderungen werden viel zu häufig mehrdeutig, unvollständig, teilweise sogar fehlerhaft beschrieben. Um in Zukunft Klartext zu schreiben, können wir uns im Requirements-Engineering die Grundkonzepte des NLP zunutze machen.
Vereinfacht ausgedrückt sind die Unzulänglichkeiten in natürlichsprachlichen Anforderungen darauf zurückzuführen, dass ein Stakeholder sein Wissen von der Wahrnehmung bis hin zum sprachlichen Ausdruck Schritt für Schritt umgestaltet (transformiert). Dabei gehen dann Informationen verloren oder sie werden sogar gänzlich verfälscht. Im NLP sagt man dazu, dass sog. sprachliche Effekte der „Tilgung“, „Generalisierung“ oder „Verzerrung“ auftreten.

Um nun wirklich zu verstehen, was ein Stakeholder mit dem meint, was er ausdrückt, muss man die aufgetretenen Umgestaltungen (sog. Transformationen) wieder rückgängig machen. Und hierzu können wir auf Regeln zurückgreifen, die uns sehr genau in dieser Rücktransformation anleiten.

Die Regeln des SOPHIST-REgelwerks
Wir SOPHISTen haben die Grundsätze des NLP auf die Anforderungsanalyse angepasst und als Regeln in unserem SOPHIST-REgelwerk zusammengefasst. Eigentlich ganz simpel, appellieren diese Regeln nur an unser gegebenes sprachliches Feingefühl. Fehlende Informationen und verzerrte Sachverhalte erkennen wir dadurch, dass spezielle Wörter (sog. Signalwörter) verwendet werden. Als Requirements-Engineer ist es nun Ihre Aufgabe, auf diese Signalwörter zu achten und diese ganz gezielt zu hinterfragen. Hierdurch können Sie Ihre Anforderungen Schritt für Schritt um die auftretenden Mängel bereinigen.

Und, ist Ihr Interesse geweckt?
Wollen auch Sie in Zukunft so richtig gute Anforderungen schreiben? Wollen Sie wissen, auf welche Signalwörter Sie achten müssen und welche Fragen Sie entsprechend stellen müssen? Dann schauen Sie in 2 Wochen wieder in unsere SOPHIST-Blogs. Dann beschreiben wir, wie man Anforderungen verbessern kann, indem man die darin enthaltenen „Verben“ analysiert. PS: Falls Sie als Theoriefanatiker Wert legen auf fundierte wissenschaftliche Hintergründe, dann sei Ihnen hiermit die 5. vollständig überarbeitete Auflage unseres Standardwerkes „Requirements-Engineering & -Management“ (ab 8. Juli im Handel erhältlich) ans Herz gelegt.

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